Aluminium und Brustkrebs: Verdacht erhärtet

Verfasst von Bert Ehgartner. Veröffentlicht in Al-ex News

Fördern Aluminiumzusätze in Deos die Entstehung von Brustkrebs? Forscher der Medizinischen Universität Innsbruck lieferten starke Belege für einen Zusammenhang. Die Behörden überlegen nun verpflichtende Warnhinweise auf diesen Produkten.

Linhart Gruppe MUI D.Bullock

Studienleiterin Caroline Linhart mit den Biochemikern Herbert Lindner und Heribert Talasz von der Medizinischen Universität Innsbruck (Foto MUI/D.Bullock)

Mathematisch gesehen müssten Tumore in allen fünf Bereichen der weiblichen Brust gleich verteilt sein. Ein Fünftel im zentralen Bereich um die Brustwarze, je ein Fünftel in den vier etwa gleich großen Teilen rundherum.

Tatsächlich treten aber 60 Prozent der Fälle von Brustkrebs im „oberen äußeren Quadranten“ der Brust auf. Das ist jener Bereich, der den Achseln am nächsten ist.

An den Universitäten wird das meist damit erklärt, dass neben den Achseln das Gewebe besonders dicht ist, weil es viele der milchproduzierenden Zellen enthält. Und aus diesen Zellen entspringt meist auch das Krebsgeschehen.

Die britische Onkologin Philippa Darbre von der Universität Reading im Norden Londons gab sich mit dieser Begründung nicht zufrieden und studierte historische anatomische Berichte aus den 1930er und 40er Jahren. Und siehe da: Damals waren die Tumore noch deutlich gleichmäßiger über die gesamte Brust verteilt. Nur 31 Prozent – also die Hälfte des aktuellen Anteils – fand sich im oberen äußeren Quadranten.

Für Darbre war diese Entdeckung zur Jahrtausendwende der Einstieg in eine neuartige Forschungsrichtung: „Diese gefährliche Tendenz musste etwas mit den Kosmetikprodukten zu tun haben“, die wir in der Region um die Achseln auftragen.“ Zunächst verdächtigte sie Parabene, eine Gruppe von Chemikalien, die Cremes, Deos oder Shampoos häufig als Konservierungsmittel zugesetzt wird. Doch dann fand sie in Aluminium (das in Verbindung mit Chlor, Kalium oder Schwefel in zahlreichen Deos enthalten ist) einen deutlich reaktionsfreudigeren Inhaltsstoff. Aluminium-Ionen reagieren nach dem Auftragen mit den oberen Hautzellen und verkleben so die Schweißdrüsen.

Vor vier Jahren saß die österreichische Biologin Caroline Linhart bei einem Kongress im englischen Winchester und hörte Darbres Ausführungen zu. Die Innsbrucker Studentin war von dem Element Aluminium und seinen Interaktionen mit dem menschlichen Organismus fasziniert. „Ich dachte, wenn ich das Brustgewebe von krebskranken Frauen mit jenem von gesunden Frauen vergleiche, bekäme ich eine Antwort darauf, ob Aluminium eine Rolle spielt.“

Kürzlich ist Linharts Studie im Fachjournal E-Biomedicine erschienen. Sie hat dafür die kosmetischen Gewohnheiten von 209 Brustkrebs-Patientinnen mit einer gleich großen, gleich alten Gruppe von gesunden Frauen verglichen. Linhart sammelte jeweils drei Proben vom Brustgewebe, das im Zuge der Mastektomien chirurgisch entfernt wurde– eine vom Bereich neben dem Brustbein, eine aus der Mitte und eine vom äußeren oberen Quadranten. Als Kontrollgruppe diente das Gewebe von Frauen, die sich an der Meduni Innsbruck Brustverkleinerungen unterzogen hatten.

 Die Resultate waren drastisch: Frauen, die bereits vor ihrem 30. Geburtstag mehrmals täglich Deos auftrugen, haben im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen ohne Alu-Deos ein ums beinahe Vierfache erhöhtes Krebsrisiko. In den Gewebeproben lag der durchschnittliche Alu-Gehalt der Frauen mit Brustkrebs um mehr als 50 Prozent über jenem der Kontrollgruppe. „Bei Frauen mit einem Tumor in der Achselregion war der Zusammenhang von gemessener Aluminiumkonzentration und der Häufigkeit der Deobenutzung besonders stark“, sagt Linhart.

„Das bestätigt unsere Empfehlungen, die Verwendung von Alu-Deos möglichst zu meiden, oder auf ein Minimum zu reduzieren“, sagt Karin Gromann, die im Gesundheitsministerium die Abteilung für „stoffliche und technologische Risiken im Verbraucherschutz“ leitet. „Wir werden dazu jetzt eine Infokampagne machen, die sich speziell an junge Frauen wendet.“

Endgültig bewiesen sei mit dieser Studie noch nichts, das sagen sowohl Gromann als auch die Studienautoren. Doch der Verdacht erhärtet sich. Erst vergangenen September hatte eine Arbeit von Stefano Mandriota und seinem Team der Universität Genf für Aufsehen gesorgt. Die Schweizer hatten gezeigt, dass die im Brustgewebe von Frauen gemessenen Aluminium-Konzentrationen im Tierversuch das Wachstum von Tumoren und auch die Bildung von Metastasen fördern. Das Schweizer Parlament stimmte daraufhin im Mai dieses Jahres mit 126 zu 58 Stimmen dafür, ein Verbot der Verwendung von Aluminiumsalzen zu prüfen. Oder wenigstens eine verpflichtende Warnung auf diesen Kosmetikprodukten.

Die Rolle von Aluminium für die menschliche Gesundheit wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Aluminium ist das häufigste Metall der Erdkruste. „Es ist demnach vollständig ungiftig“, lautete die Schlussfolgerung zahlreicher Wissenschaftler, der sich lange Zeit auch die Behörden anschlossen. „Der Denkfehler dabei ist, dass Aluminium im Boden in festen Bindung mit Silizium oder Sauerstoff vorliegt und chemisch inert ist“, warnt der britische Aluminium-Experte Christopher Exley. „Das kann man von den Metall-Ionen, die wir mit ungeheurem Einsatz an Energie aus dem Gestein freisetzen, allerdings ganz und gar nicht sagen.“  

In der Evolution des Lebens wurde Aluminium ignoriert. Während viel seltenere Elemente wie Selen, Zink oder Kupfer Dutzende wichtige Funktionen im Organismus übernahmen, ist von Aluminium kein einziger biochemischer Mechanismus bei Tier oder Mensch bekannt, wo es eine sinnvolle Rolle spielt.

„Dafür kennen wir Dutzende Abläufe, die durch reaktionsfreudige Aluminium-Ionen gestört werden, weil sie zum Beispiel Magnesium- oder Calcium-Ionen verdrängen“, erklärt Exley. Dass Aluminium toxisch wirkt, sei eine Tatsache. Das gelte nicht nur für das Brustgewebe, sondern auch für das Nervensystem und andere Organe, wo sich Aluminium einlagert. (siehe Interviewkasten)

Im wissenschaftlichen Mainstream stellt Exleys Ansicht eine Minderheiten-Position dar. „Wenn man zu Aluminium forscht, muss man sich von Anfang an gegen den Vorwurf wehren, man würde einer Verschwörungstheorie aufsitzen“, sagt Linhart. Auch die europäischen Behörden beruhigten viele Jahre lang, dass Aluminium aus Kosmetikprodukten kein relevantes Risiko darstelle, weil die Haut kaum etwas durchlasse. Basis für diese Annahme bildet eine Arbeit aus den USA aus dem Jahr 2001. Sie kam zu dem Ergebnis, dass nur 0,014 Prozent des aufgetragenen Aluminiums aus Deos ins Gewebe eindringt. Diese Studie wurde von der Kosmetik-Industrie seitdem als Beweis für die Ungefährlichkeit ihrer Produkte angeführt. Dass diese Studie nur zwei Teilnehmer hatte und von der Industrie selbst finanziert war, wurde nie kritisch hinterfragt.

Ein erstes Umdenken folgte im Jahr 2012, als eine französische Arbeit Werte ermittelte, die die bisherigen Angaben um das mehr als hundertfache übertrafen, – vor allem, wenn die Achselhöhlen frisch rasiert und die Haut damit durchlässiger war. Die Industrie hat mittlerweile nachgelegt und in eine Studie mit elf Teilnehmern investiert. Nun tagen die EU-Gremien. Das „wissenschaftliche Komitee für Konsumentensicherheit“ (SCCS) wird im Oktober die neue Risikobewertung für Aluminium-haltige Kosmetikprodukte – inklusive eventueller Verbote oder Warnhinweise – veröffentlichen.

 

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2014 bei einem Arbeitstreffen in Innsbruck: Chris Exley, Caroline Linhart, Philippa Darbre (Foto: Ehgartner)

 

„Die Beweislage ist ausreichend“

Christopher Exley, 54, ist Professor für bioinorganische Chemie an der Universität Keele in England. Er gilt als Aluminiumexperte und veranstaltet internationale Konferenzen zur Industrie-unabhängigen Forschung. 

Herr Exley, belegt die Innsbrucker Studie, dass Alu-Deos ein Auslöser für Brustkrebs sind?

Exley: Bevor Caroline Linhart ihre Arbeit vorgelegt hat, war ich nicht überzeugt, dass Deodorants auf Aluminiumbasis wesentlich zur Entstehung von Brustkrebs beitragen. Nun haben wir allen Grund, sie als Risikofaktor zu betrachten. Wir haben kürzlich gezeigt, dass das Schwitzen einen relevanten Beitrag zur Ausscheidung von Aluminium aus dem Organismus leistet. Alu-Deos sind deshalb doppelt problematisch.

Sollten Hersteller von Kosmetikprodukten mit Aluminium einen Warnhinweis auf die Packung drucken müssen?

Exley: Dafür gibt es nun ausreichende Evidenz. Es könnte dort stehen: „Die Verwendung dieses aluminiumhaltigen Produktes kann das Risiko von Brustkrebs erhöhen“

Bei welcher Krankheit gibt es die bislang beste Beweislage für eine Beteiligung von Aluminium?

Exley: Eindeutig bei der Alzheimer-Erkrankung.

Sie haben kürzlich einen Ihrer Forschungsberichte mit „No Aluminium - No Alzheimer’s Disease“ übertitelt. War das als Provokation gedacht, zumal der Großteil der Alzheimer-Experten keinerlei Zusammenhang erkennen kann?

Exley: Die Fakten liegen am Tisch. Ich habe meine Position veröffentlicht und bin gerne bereit die wissenschaftliche Evidenz mit jedem zu diskutieren.

Sie beklagen, dass kritische Forschung zu Aluminium nicht öffentlich gefördert wird. Hat sich das geändert?

Exley: Nicht im Geringsten. Es gibt kaum unabhängig finanzierte Forschung. Die Verbindung zwischen Aluminium und der menschlichen Gesundheit ist eine Frage, die keine Regierung und schon gar nicht die Aluminiumindustrie untersucht haben möchte.

Kann es sein, dass Sie das Gesundheitsrisiko überschätzen, das von Aluminium ausgeht?

Exley: Ich denke nicht. Ich kommuniziere bloß die wissenschaftlichen Resultate, die ich sehe. Blei ist in beinahe allen Anwendungen verboten worden, obwohl die Beweislage zur Human-Toxizität bei diesem Metall wesentlich schlechter ist als bei Aluminium.

Gibt es spezielle Risikogruppen, die besonders empfänglich sind für problematische Effekte von Aluminium?

Exley: Zweifellos spielt unsere individuelle genetische Ausstattung eine Rolle. Manche Menschen häufen offenbar Aluminium verstärkt in bestimmten Organen an und sind dann zum Beispiel einem höheren Risiko für Alzheimer-Demenz ausgesetzt. Diese Personen zu identifizieren wäre eine wichtige Aufgabe, denn dann könnten sie von einem speziellen Lebensstil und der gezielten Ausleitung der Aluminium-Depots enorm profitieren.  

 Kann man sich schützen, indem man offensichtliche Alufallen meidet?

Exley: Natürlich ergibt das Sinn. Doch ich bin sicher, dass wir viele Umstände, in denen wir Aluminium ausgesetzt sind, noch gar nicht kennen.

 

 

Tags: Aluminium, Brustkrebs, Deodorant, Alzheimer,

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