Alu-Falle Medikamente

Verfasst von Bert Ehgartner. Veröffentlicht in Alu-Fallen

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schätzt die tägliche Aufnahme von Aluminium über Nahrungsmittel in Europa auf einen Mittelwert von 0,2 bis 1,5 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) Körpergewicht und Woche. Wer sich vorwiegend  über Fertig-Lebensmittel aus dem Supermarkt ernährt, kommt laut EFSA auf Werte bis zu 2,3 mg/kg. Das würde also bedeuten, dass ein schlanker Erwachsener mit Hang zur Fertignahrung pro Woche 150 mg Aluminium aufnimmt. Das liegt deutlich über den Werten, die als harmlos gelten. Doch manche rezeptfreie Arzneimittel enthalten das doppelte bis dreifache dieser Wochendosis – und das in einer einzigen Tablette!

 


Das Phänomen der Dialysedemenz

Nierenkranke sind besonders gefährdet für die Anreicherung von Schadstoffen im Körper. Kein Wunder also, dass die ersten konkreten Belege für die toxischen Auswirkungen von Aluminium auf Dialysestationen gesammelt wurden.

Es war eines der großen Themen der 1970er-Jahre und ein weltweites Phänomen: Bei Menschen mit chronischer Nierenschwäche wurden laufend erhöhte Aluminiumkonzentrationen beobachtet. Lange Zeit war die Quelle dieser Vergiftung unklar. Das Problem wurde immer massiver als auch bei jüngeren Patienten bereits kurz nach Einleitung der Blutwäsche schlaganfallähnliche Symptome auftraten. Die Personen zeigten binnen weniger Jahre einen raschen geistigen Verfall. Schließlich fanden Mediziner aus Kanada sowie Großbritannien, dass das Wasser der Dialyseflüssigkeit eine vergleichsweise hohe Konzentration an Aluminium enthielt. Und dort, wo das Dialysewasser kontaminiert war, hatten auch die Patienten bald toxikologisch relevante Aluminiumblutspiegel. Dieses Problem wurde vor allem in Gebieten beobachtet, wo Aluminiumverbindungen als Flockungsmittel in der Trinkwasseraufbereitung verwendet wurden.

Bei der Blutwäsche wird das Blut der Nierenkranken mit großen Mengen von Wasser tatsächlich gewaschen. Dafür wird das Blut an einer durchlässigen Membran an mehreren hundert Litern Wasser vorbei geleitet. Die Schadstoffe aus dem Blut diffundieren durch die Membran und werden im Wasser weggeschwemmt. Das ist der Zweck der Blutwäsche. Doch leider ist die Membran in beide Richtungen durchlässig und so gelangten auch die Aluminium-Ionen aus dem Wasser ins Blut der Patienten. Die minimalen Rückstände aus der Trinkwasseraufbereitung reichten aus, um bei den Nierenkranken schwere Erkrankungen des Gehirns auszulösen. Dieses Phänomen wurde rasch als Dialysedemenz bekannt.

Als die Studien dazu in den Fachjournalen erschienen, hielten die Nierenärzte das Problem für gelöst. Doch die Welle an Dialysedemenz flachte nicht ab. Auch auf Stationen wo strengstens auf aluminiumfreies Wasser kontrolliert wurde, traten immer noch Fälle von Dialysedemenz auf. Es dauerte wieder einige Zeit, bis auch hier der Auslöser überführt wurde.

Als Ursache fand sich eine Gruppe neuartiger Medikamente, die in den 1970er-Jahren speziell für Dialysekranke entwickelt worden waren und als Wirkstoff große Mengen an Aluminiumhydroxid enthielten. Aluminiumhydroxid ist das erste Endprodukt der Aluminiumgewinnung. Es entsteht durch Abspaltung des Rotschlammes aus fein gemahlenem Bauxit mit Hilfe von Natronlauge. Über Kombination mit Aluminiumhydroxid werden nahezu alle weiteren Alu-Verbindungen hergestellt.

Diese Mittel wurden gegeben, weil sich Aluminiumhydroxid als guter Phosphatbinder erwiesen hatte. Phosphate aus der Ernährung können bei Nierenschäden schlecht abgebaut werden und verursachen bei den Patienten unangenehme Beschwerden. „Wir dachten also, wir tun den Dialysepatienten etwas gutes, wenn wir ihnen diese Mittel verschreiben“, erzählte mir Herwig Holzer, langjähriger Vorstand der Abteilung für Nephrologie an der Universitätsklinik in Graz. „Doch dann traten plötzlich schwere Fälle von Demenz auf – und das vor allem bei jungen Patienten, welche erst wenige Jahre bei der Blutwäsche waren.“ Die toxischen Effekte des Aluminiums manifestierten sich in den Symptomen einer Dialyse-Enzephalopathie,  begleitet von einer Mineralisationsstörung der Knochen, Anämie und Hirnschädigungen.

Mit der Abschaffung dieser Medikamente und der strengen Kontrolle der Dialyseflüssigkeit auf Aluminium waren die Ursachen für die Dialysedemenz beseitigt. Das Phänomen verschwand so rasch wie es gekommen war.

 

Sind nur Nierenkranke gefährdet?

Dass Aluminium eine Gefahr für Menschen darstellen kann – diese Lehre wurde jedoch aus den Vorfällen nicht gezogen. Betroffen, heißt es, sind nur Menschen mit Nierenschwäche. Alle anderen nicht.

Dass unter gesunden Personen auch solche mit versteckter – oder noch nicht voll ausgebrochener Nierenschwäche sein könnten, wurde scheinbar verdrängt. Ebenso wie die Tatsache, dass sich Aluminium im Körper anreichern kann und es eben nur ein paar Jahre länger dauert, bis auch Menschen mit gesunden Nieren Probleme bekommen können.

Und somit sind bis heute Medikamente im Umlauf, die aberwitzig hohe Mengen an Aluminium enthalten. Das sind speziell die so genannten Antazida, Medikamente zur Regulierung der Magensäure, die Erleichterung von Sodbrennen bringen und auch zur Vorbeugung gegen Geschwüre von Magen und Zwölffingerdarm verschrieben werden. Viele dieser Medikamente sind rezeptfrei, wie beispielsweise der Bayer-Bestseller Talcid oder auch Maaloxan/Maalox, ein Präparat des US-Konzerns Merck, das in Europa von Sanofi Pasteur MSD vertrieben wird.

Antazida neutralisieren die Magensäure, regen damit die vermehrte Nachproduktion aber eher an. Wie viel Aluminium aufgenommen wird, hängt stark vom Grad der Säure im Magen ab. Die Menge ist von Patient zu Patient unterschiedlich und kann um mehrere Größenordnungen variieren. Es ist deshalb auch für Ärzte nicht vorhersehbar, wie viel Aluminium ein individueller Patient aufnimmt. Hoch problematisch ist die Dauereinnahme von aluminiumhaltigen Magensäurepräparaten. Davor wird auch in den beigelegten Patienteninformationen zu den Medikamenten gewarnt. Bei Dauereinnahme, heißt es da, seien die Aluminiumspiegel im Blut zu kontrollieren, weil es bei Einnahme hoher Dosen – speziell wenn die Nierenleistung beeinträchtigt ist – zur Aufnahme von Aluminium in Organen und zur Demenz kommen kann. Derartige Medikamente rezeptfrei abzugeben, erscheint von Seiten der Gesundheitsbehörden einigermaßen verantwortungslos.

 

Was sagen die Behörden?

Bei der für die Zulassung von Arzneimitteln zulässigen österreichischen Medizinmarktaufsicht, verwies der zuständige Abteilungsleiter Christoph Baumgärtel auf das Prinzip des „mündigen Patienten“. Studien würden nämlich zeigen, dass 90 Prozent der Patienten die beigelegten Informationen lesen. „Und dort steht ganz deutlich und fett gedruckt die Warnung vor einer Dauereinnahme.“

Insofern, sagt Baumgärtel, sei wohl auszuschließen, dass die Konsumenten die Mittel irrtümlich über einen zu langen Zeitraum einnehmen. „Außerdem gibt es ja noch die Apotheker, die hier auch eine Aufklärungspflicht haben und dieser natürlich auch nachkommen.“

Alles in Ordnung also aus Sicht der Behörden.

 

Weitere problematische Medikamente

Ein weiterer aluminiumhaltiger Wirkstoff der von seiner Wirkungsweise eng verwandt mit der Gruppe der Antazida ist, ist das rezeptpflichtige Sucralfat. Es wird damit beworben, dass es die Magenwand „auskleidet“ und mögliche Geschwüre „bedeckt“. Sucralfat wird sogar zur Prophylaxe von Geschwüren, „besonders für Stresstypen“, empfohlen.

Diese Medikamente sind für den akuten Notfall gedacht, werden aber von Ärzten immer wieder für den Dauereinsatz bei minimalen Anlässen oder auch gerne schon mal „prophylaktisch“ verschrieben, wenn Patienten einen etwas empfindlicheren Magen haben. Magenmittel gehören zu den umsatzstärksten Medikamenten.

Eine Alternative wäre es, bei Magenproblemen mit Sodbrennen (Reflux) oder anderem, zunächst einmal nach den Ursachen zu fahnden. Vielen Menschen hilft bereits eine geringfügige Umstellung der Ernährung.

Besonders problematisch ist die Anwendung aluminiumhaltiger Medikamente in der Schwangerschaft. Durch den Zwerchfellhochstand haben fast die Hälfte der Frauen in dieser Zeit Probleme mit Aufstoßen und Sodbrennen. Viele greifen zu aluminiumhaltigen Säureblockern. Studien an der Universität Wien unter Leitung von Erika Jensen-Jarolim zeigen, dass von diesen Medikamenten auch ein hohes Risiko für Nahrungsmittelallergien ausgeht.[i] „Und das“, erklärt die Wiener Professorin, „bezieht sich nicht nur auf die Mutter, sondern auch nachfolgend auf ihr Baby.“

Eine wirkliche Aluminiumbombe sind die „Antiphosphat Gry“-Filmtabletten der Wiener Herstellerfirma C. Brady. Sie werden kurioserweise noch immer bei Dialysepatienten zur Phosphatkontrolle eingesetzt. Allerdings unter strenger Verlaufskontrolle und mit einer etwas anderen Rezeptur, welche die Aluminium-Ionen im Magen nicht so leicht frei gibt, wie die alten Mittel aus den 1970er-Jahren, welche für die Dialysedemenz verantwortlich waren.

 

Die Beipackzettel sprechen eine klare Sprache

Dennoch kann sich die Liste ihrer Nebenwirkungen nach wie vor sehen lassen. Da ist die Rede von Verstopfung, Osteopathien (Knochenkrankheiten), Aluminiumvergiftungen (Encephalopahtien), und Phosphatverarmung. „Überdosierung“, heißt es, „führt zu Anämie.“

Schließlich folgen in der Gebrauchsinformation des Medikamentes auch noch praktische Hinweise, wie man diese Überdosierung erkennt: „Die häufigste Erscheinungsform der Aluminiumvergiftung bei terminaler Nierenschwäche ist die Dialyse-Osteomalazie. Sie ist gekennzeichnet durch anhaltende Knochenschmerzen und Spontanfrakturen. Die Dialyse-Encephalopahtie kann in Abhängigkeit des Aluminiumserumspiegels nach drei- bis siebenjähriger Dialysebehandlung auftreten.

Leitsymptome sind:

– Sprachstörungen, die anfangs nur während der Dialyse auftreten, sowie Störungen der motorischen Koordination;

– Rasches Nachlassen der geistigen Fähigkeiten, von Konzentrationsstörungen bis zur Demenz;

– Krampfanfälle: häufiger Myoklonien, seltener tonisch-klonische Krämpfe

– Zumindest zeitweise psychotische Zustände mit Halluzinationen und Delirien.“

In der Rubrik „Schwangerschaft und Stillzeit“ steht:

„In der Schwangerschaft ist Antiphosphat kontraindiziert. Es liegen keine Erfahrungen beim Menschen vor. Tierexperimentelle Studien mit Aluminiumverbindungen belegen schädliche Auswirkungen auf die Nachkommen. In der Stillzeit sollte Antiphosphat nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übergeht.

In Tierversuchen mit anderen Aluminiumverbindungen traten embryo- bzw. fetotoxische Effekte auf (erhöhte Resorptionsrate, Wachstumsretardierung, Skelettdefekte, Erhöhung der fetalen und postnatalen Sterblichkeit sowie neuromotorische Entwicklungsverzögerungen).“

Das klingt nicht eben beruhigend. Bis zu manchen Internet-Portalen hat sich dieser Hinweis aus der Produktinfo aber noch nicht durchgesprochen. Auf www.netdoktor.at heißt es dazu beispielsweise: „Die Anwendung in der Schwangerschaft muss vom Arzt sorgfältig geprüft werden.“[ii]

Immerhin findet sich dort ein sinnvoller Hinweis, wann das Mittel nicht eingesetzt werden darf. Und zwar – raten Sie mal – bei: Aluminiumvergiftung und bei Alzheimer-Patienten

Hier ein beispielhafter Auszug aus der Gebrauchsinformation eines ähnlichen Mittels, „antacidum OPT“ von der OPTIMED Pharma GmbH. Hier heißt es:

„Was müssen Sie in Schwangerschaft und Stillzeit beachten? antacidum OPT® darf in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden, da hierfür keine Erfahrungen beim Menschen vorliegen und Tierversuche mit Aluminiumverbindungen schädliche Auswirkungen auf die Nachkommen zeigten. In der Stillzeit soll antacidum OPT® nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übergeht.

Welche Vorsichtsmaßnahmen müssen beachtet werden?
Bei langfristigem Gebrauch von antacidum OPT® sind regelmäßige Kontrollen der Aluminiumblutspiegel erforderlich. Dabei sollten 40 mcg/l nicht überschritten werden.
Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sollten auch bei kurzfristigem Gebrauch von antacidum OPT® die Aluminiumblutspiegel bestimmt werden. Darüber hinaus sind bei diesen Patienten in regelmäßigen Abständen (etwa alle halbe [halben?] Jahre) nervenärztliche Untersuchungen (einschließlich Messung der Hirnströme) sowie eventuell Untersuchungen des Knochens sinnvoll, um möglichst frühzeitig eine Aluminiumvergiftung zu erkennen.“

Soll also niemand behaupten, er sei nicht gewarnt gewesen. Man braucht sich schließlich nur in das Kleingedruckte vertiefen.



[i] Pali-Schöll I., Jensen-Jarolim E. „Anti-acid medication as a risk factor for food allergy“ Allergy 2011, 66 (4): S. 469–477

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